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AB 2012 MUSIKALISCHE FRÜHFÖRDERUNG

...Klavier spielen können

Eine gute Möglichkeit, die abstrahierende Verkürzung sowie die Oberzeichen-Bildung beim Lernen zu beobachten, ist das Klavierspiel. Eine erste Beobachtung zeigt, daß nach einer bestimmten Übungszeit eines Stückes Noten, Akkorde und ganze Takte in Verbundzeichen umgesetzt werden, die wiedererkannt werden, ohne daß sie als einzelne auf dem Notenblatt gesehen werden. Seltsamer noch, das wirkliche Wiederkennen bereits gespeicherter Oberzeichen und Noten in ihren Einzelheiten bedeutet Mühe, und fast scheint es so, mehr an Mühe, als wenn sie ungespeichert sind. Dies scheint dafür zu sprechen, daß bei einer vorhergehenden Speicherung die erneute Durchdringung einen besonderen Akt erfordert, weil hier bestimmte Nervenzellen miteinander verdrahtet und besetzt sind. Fangen wir also einmal von vorne an: beim Klavierspiel nach Noten wird ein geistiger Akt mit einer körperlichen Tätigkeit verbunden – ganz bestimmte Zeichen sollen bis ins einzelne vorgeschriebene Tätigkeitsabläufe ausführen lassen.

Erster Schritt: ein unbekanntes Stück muß ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad erarbeitet werden im Gegensatz zu leichteren Stücken, die aufgrund derjenigen Gewöhnung vom Blatt gespielt werden können, die durch die Erarbeitung bei schwierigeren erst erworben werden muß. Akkorde, Zeitmaß und Zueinanderstellung der Noten müssen zunächst für die rechte und linke Hand gesondert entziffert werden: Noten sind Zeichen, deren Bedeutungsgehalt in eine Tätigkeit umgesetzt werden muß, wozu die Kenntnis der Zuordnung von einzelnen Noten zu einzelnen Tasten Voraussetzung ist. Nun ist, anfangs am besten jeweils nur für eine Hand, mittels Nervenimpuls der entsprechende Notenverlauf oder Akkord nachzuvollziehen, indem Arm- und Fingermuskeln erregt werden. Was allerdings bereits wieder jene motorische Gewöhnung voraussetzt, die entsprechende Bewegung auch ausführen zu können. Anfangs wird dabei ein langsames Nacheinander herauskommen, da über das Auge erst jeder zusammenhängende Verlauf oder Akkord aufzunehmen und zwecks Wiedererkennung und Umsetzung seiner Einzelteile mit dem Gedächtnis abzugleichen ist; sodann müssen die einzelnen Impulse für jeden der beteiligten Finger „versandt" werden. Schließlich muß sich die Motorik auf das spezifische Mit- und Nacheinander von Akkorden und Verläufen einstellen, um jene in der rechten Reihenfolge und im rechten Zeitmaß zu spielen. Dabei sind gleich drei Sinnesorgane: Auge, Tastsinn und Ohr (als „Bio-Feedback-Kontrolle") beteiligt. Sind endlich dem Gedächtnis sowie der Motorik der Finger durch einige Übungsläufe die zu spielenden Noten einigermaßen bekannt, werden beide Hände zusammengespielt und deren Koordination eingeübt.

Zweiter Schritt: um ein Stück in gehöriger Weise als ein Ganzes spielen zu können, muß nun eine weitere und doppelte Gewöhnungsarbeit geleistet werden. Durch Konzentration und Wiederholen muß sich das Gedächtnis die Akkorde und Tonfolgen in der Weise einprägen, daß jene nicht mehr in Einzelheiten zerlegt werden müssen, sondern vielmehr wird ein Akkord zu einem Gesamtzeichen, das seine Einzelheiten „von selbst" hergibt, ebenso wie für eine bestimmte Tonfolge nunmehr etwa der Taktanfang genügt, um den gesamten Takt ablaufen zu lassen. Das Ablesen der Noten wird bei zunehmendem Lernerfolg nurmehr zu einer Gedächtnisstütze, um die einzelnen Oberzeichen und deren Reihenfolge aufzunehmen. Eine gleichzeitig stattfindende motorische Gewöhnung automatisiert das Umsetzen der Noten in eine genau festgelegte Tätigkeit der Hände: eine bestimmte Fingerhaltung und –bewegung wird den Oberzeichen fest zugeordnet. Von daher drängt sich der Eindruck auf, daß die Hände jeweils wüßten, was sie zu tun haben, ohne daß das Bewußtsein aktiv eingriffe. Das Bewußtsein empfindet sich eher neben als in der motorischen Ausführung. Die vorstellende Tätigkeit beschränkt sich auf das Einsatz-Geben für die Anfänge der Teilstücke, die Einzelheiten laufen völlig unbewußt ab. Daher denn auch die Schwierigkeit, Fehler auszumerzen, wenn sich solche einmal eingeschlichen haben; ganz offenbar ist es schwieriger, in den oberzeichenmäßig verbundenen Ablauf, das Zusammenspiel zwischen Gedächtnis und Motorik einzugreifen, als einen solchen Ablauf neu zu lernen. Denn die Auflösung und erneute Zusammenfügung eines neuronal bereits vernetzten Ablaufes erfordert im Wortsinn mehr Energie und Konzentration als das Zusammenfügen allein.

Dritter Schritt: Jetzt kann die Arbeit am Stück selbst beginnen; zuerst müssen, wenn nötig, die Tempi der einzelnen Teile in Bezug auf die motorischen Abläufe beschleunigt werden, was per se ipsum zu einer weiteren Automatisierung des Auffassens wie der Motorik führt, sodaß nunmehr im einzelnen durchaus kein bewußtes Wissen davon vorhanden ist, was an Noten gespielt wird. Die Aufmerksamkeit befindet sich vielmehr nun im Gesamtzusammenhang und eilt notenmäßig nur von Oberbegriff zu Oberbegriff. Dadurch wird das Bewußtsein frei, sich jetzt auf die eigentliche Wiedergabe hinsichtlich der Tempi, der Dynamik, des Ausdrucks zu konzentrieren.

Es werden sicherlich auch andere Aussagen über das Klavierspiel gemacht werden, insonderheit von jenen Genies, die sich hinsetzen und die schwierigsten Dinge vom Blatt spielen, oder Partituren im Flugzeug besehen, um sie dann auswendig zu spielen – es gibt hier auch noch ganz andere Varianten der Vernetzung zwischen der Aufnahme durch die Sinne, der Gedächtnisverarbeitung samt Zugang zur Motorik. Hier ist der Fall angenommen, daß die Vernetzung des Gehirns dazu nötigt, nicht nur den Verstand, sondern auch die Reflexion/Vernunft zu benutzen, und auch nur über jenen Weg Zugang zum Gedächtnis zu erlangen. Dies ist ganz offenbar für das Klavierspiel ein Nachteil, als die Vernetzung zwischen Verstand, Gedächtnis, Emotion und Motorik wesentlich direkter und damit effizienter arbeitet. Das stimmt wiederum damit zusammen, daß jedes neue Oberzentrum zunächst eine Hemmung ist – und hier denn auch in der reflektierenden Oberzeichen-Bildung tatsächlich hemmend wirkt.

 

Von Helmut Walther

 

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